Ist die Lehrpraxis noch zu retten - Wir sprachen mit dem User und Lehrpraxisbetreiber Dr. Siamak Lou
Lohnt sich die Lehrpraxis noch? Keine einheitlichen Ausbildungsstandards, geschweige denn Bezahlung und auf der anderen Seite kaum Förderungen für die Ausbildner. Praxistauglichkeit wird verlangt, aber von der Politik kaum entsprechend honoriert! Wir sprachen über das Thema mit Dr. Lou, der schon hier im Forum gezeigt hat, dass ihm dieses Thema, aber auch der Kontakt zu jungen Kollegen sehr am Herzen liegt.
TURNUSARZT.com: Sehr geehrter Kollege Dr. Lou,
warum bieten Sie eigentlich die Lehrpraxis an? Viele Kollegen, meinen es lohne sich nicht Geld und die Zeit in eine intensive Einschulung zu investieren, da ja der Praktikant, sobald er etwas kann, die Ordination schon wieder verlässt.
Dr. Lou: Ich denke daß die "Neue" Medizin kein Einzeljob mehr ist. Sondern ein Teamjob. D.h mein System wäre erfahrener Arzt – JungArzt - Student als Team (haben wir auch schon gemacht!)
Ich muß wenn ich jemanden ausbilde, selber immer möglichst up to date sein, dh ein ständiges Weiterlernen sollte damit auch einhergehen. D. h. ein Ansporn für mich, mich fortzubilden, up to date zu bleiben und meine Therapie regelmäßig zu evaluieren und auch zu erklären. Ich weiß nicht ob es sich nicht lohnt. Das muß man dann im Kontext Ordination, Patient und Möglichkeiten für jeden Kollegen selbst evaluieren. Für mich persönlich lohnt es sich. Nicht unbedingt monetär aber definitiv sozial.
Für mich ganz wichtig ist es jungen Kollegen/innen zu zeigen wie es wirklich im niedergelassenen Bereich zugeht. Im Spital als TA hat man doch eine sehr gefilterte Wahrnehmung, was man im niedergelassenen Bereich tun kann, und was nicht. Und in 6 Monaten kann ich schon einiges bewirken im Können und Handling von Jungärzten.
TURNUSARZT.com: Was ist Ihre Meinung zum neuen Kollektivvertrag - hat er die Situation verbessert, oder gar verschlechtert!
Dr. Lou: Also ich bin echt froh, dass es einen KV gibt. Was da teilweise abgelaufen ist, kann ich ja nur unter Frechheit subsummieren. Und wie immer wenn man ein System hat das suboptimal gelaufen ist, über den Haufen wirft, ist die Gegenbewegung immer ein wenig zu heftig.
Ich finde die Bezahlung v.a. für Kollegen in späteren Ausbildungsjahren nicht mehr leistbar. Fakt ist, dass ein TA vermutlich mindestens 50% eines Ordinationsbudget punkto Personal frisst. Und gerade am Anfang ist das schon sehr heftig. V.a. wir Niedergelassenen sind in der Privatwirtschaft tätig und nicht in der von der öffentlichen Hand gezahlten Anstalten. Wenn es eine Förderung für alle Lehrpraktikanten geben würde wäre das schon genug. Und ich rede hier nicht von einer 100% sondern vielleicht von einer 75% Deckung.
TURNUSARZT.com: Inwiefern hat die jahrelange Turnusdebatte in Österreich etwas verändert bzw. was sagen Sie zu dem Zitat: "Der Turnus ist tot, nur der Begräbnistermin steht noch nicht fest".
Dr.Lou: Ich fürchte dass die Debatte gar nichts geändert hat. Das Einzige was etwas geändert hat, waren Strafanzeigen, die Tatsache dass viele Jungkollegen das Land verlassen haben und damit der "Nachschub" nicht erpressbar ist. Debatten bringen in diesen Land wenig. Nur wenn es jemanden schmerzt (siehe Arbeitszeitgesetz) dann geht es. Sonst ist es allen vollkommen egal. Traurig aber wahr. Man muss auch hier für sein Recht kämpfen.
Der Turnus ist eine tolle Sache für Allgemeinmediziner. Unumstritten. Für alle die Fachärzte werden wollen, sehe ich die Notwendigkeit nur sehr bedingt. Ich würde den Turnus nicht abschaffen. Jedoch die Rahmenbedingungen definitiv ändern. Und v.a. ärztliche Tätigkeiten als Hauptaufgabe sehen und nicht systemerhaltende Maßnahmen.
TURNUSARZT.com: Wie ist Ihre Erfahrung mit den jungen Kollegen?
Dr. Lou:
Ich habe eines gelernt. Jeder ist anders. Und zwar ganz anders. Jeder kann unter dem Strich gleich viel und jeder ist wertvoll und bringt Wissen und Aspekte ein dass ich vorher nicht hatte.
Motiviert sind eigentlich fast alle. Es gibt schon hier und da Probleme wo ich dann manchmal an die Decke gehe, aber in toto sind meine Erfahrungen sehr gut. Ich habe mit fast allen meinen TAs regelmäßigen Kontakt und bis dato sind auch alle meine Freunde geblieben. Und ich bin auf alle auch ein wenig stolz
oder mache mir Sorgen. Je nachdem.
TURNUSARZT.com: Bemerken Sie etwas von der Auswanderung vieler junger Kollegen, bzw. was halten sie davon?
Dr. Lou:
natürlich. Ich kann es verstehen wenn ungebundene junge Kollegen das Land verlassen. Ich würde auch nicht 2 Jahre auf einen Platz warten wollen. Ich würde auch lieber unter optimalen Bedingungen arbeiten wollen. NUR...wenn wir das alle machen. Wer betreut dann unsere Familien, Freunde und Bekannte? Wer versorgt dann die Bevölkerung? Und selbst falls er/sie irgendwann einmal zurückkommt .Auskennen wird sich der Kollege dann wohl nicht so gut bei uns wenn er z.B. in Tampere Ausbildung gemacht hat. Das Netz von Freunden im KH, das uns oft v.a. bei schwierigen Fällen viel Procedere verkürzen lässt, hat dieser wohl nicht. Und in unserem System wird er wohl auch Probleme haben (so wie ich Probleme in Tampere hätte)
Von was ich nichts halte ist dieses ewige "Im Ausland ist es besser". Es gibt genauso schlechte Jobs im Ausland wie bei uns. Und es gibt auch super Jobs und Ausbildung bei uns. Nur halt nicht standardmäßig was traurig ist.
TURNUSARZT.com: Warum sinkt Ihrer Meinung nach (u.a. auch in Österreich) die Bereitschaft als Allgemeinmediziner einerseits, bzw. dann auch noch als sogenannter "Landarzt" tätig zu werden.
Dr. Lou: Es ist eine Arbeit bei der man nie wirklich fertig wird. Weiters ist man in der medizinischen Hackordnung der Unterste. Und der Verdienst ist im Vergleich auch niedriger und wird auch immer weniger. Am Land kommen dann auch noch Sachen wie dauernde Erreichbarkeit, Elimination von Hausapotheken zu Gunsten normaler Apotheken und auch die teilweise grenzwertige Wirtschaftlichkeit hinzu.
Alles Sachen die das Leben nicht leichter machen.
TURNUSARZT.com: Wird die geplante Einführung des FA für Allg.medizin alles besser machen und ist das jetzige System dafür überhaupt vorbereitet?
Dr. Lou: Keine Ahnung. Hoffentlich. Ich denke es wird einfach den praktischen Arzt als Titel und in 2-3 Jahrzehnten den Allgemeinmediziner wie es ihn bis dato gibt ablösen. Und vielleicht auch den Wissenslevel. Ich weiß es nicht.
Kurz Facts zur Lehrpraxis
- Wie sieht die Lehrpraxisausbildung bei Ihnen aus, also Aufgabenspektrum, Dienstzeiten, Bezahlung
- Betreut der Lehrpraktikant auch eigene Patienten
Aufgabenspektrum ist einfach alles. Mit Ausnahme von Gynäkologie(ohne Sono imvho sinnfrei) Wir betreuen vom Säugling bis zur 100 jährigen alles. Und entsprechend breit ist das Spektrum. Wir haben sehr viele alte Patienten, und auch viele Patienten mit Migrationshintergrund. Unsere Dienstzeit sind eine ca 40 h Woche mit Wochenenddiensten alle 4 Wochen im Schnitt.
Bezahlung lt Kollektivvertrag.
Eigene Patienten. Natürlich, wenn die Befähigung dazu da ist, früher oder später. Natürlich immer mit Backup und Kontrolle. Alles andere wäre ja widersinnig. Ich behandle Turnusärzte als das was sie sind. Ärzte.
TURNUSARZT.com: Ist gerade eine Stelle frei?
Derzeit ist gerade ein Wechsel im Laufen. D.h. Dr Spitzer tritt ihren Turnus am 1.11. im KH Baden an und ihre Nachfolgerin hat sich schon vorgestellt. D.h. leider nein.
Dr. Siamak Lou
Arzt für Allgemeinmedizin
Bad Vöslau
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Kommentare
" Ich kann es verstehen wenn ungebundene junge Kollegen das Land verlassen. Ich würde auch nicht 2 Jahre auf einen Platz warten wollen. Ich würde auch lieber unter optimalen Bedingungen arbeiten wollen. NUR...wenn wir das alle machen. Wer betreut dann unsere Familien, Freunde und Bekannte? Wer versorgt dann die Bevölkerung? Und selbst falls er irgendwann einmal zurückkommt .Auskennen wird sich der Kollege dann wohl nicht so gut bei uns wenn er z.B. in Tampere Ausbildung gemacht hat. Das Netz von Freunden im KH, das uns oft v.a. bei schwierigen Fällen viel Procedere verkürzen lässt, hat dieser wohl nicht. Und in unserem System wird er wohl auch Probleme haben (so wie ich Probleme in Tampere hätte)
Von was ich nichts halte ist dieses ewige "Im Ausland ist es besser". Es gibt genauso schlechte Jobs im Ausland wie bei uns. Und es gibt auch super Jobs und Ausbildung bei uns. Nur halt nicht standardmäßig was traurig ist."
sorry aber als jemand der selbst 2004 ausgewandert ist (vorwiegend aus mangel an optionen in österreich, weil kein vitamin B und wartezeiten jenseits von gut und böse) kann ich das nicht so stehen lassen.
1) österreich hat mich indirekt dazu gezwungen auszuwandern, und die ärztekammer hilft ja kräftig mit beim export von jungärzten. schließlich wollte ich nicht 3 jahre taxifahren und alles wieder vergessen was ich im studium gelernt habe. es ist schlicht lächerlich, da werden um teures steuergeld junge menschen 6 jahre lang zu medizinern ausgebildet und dann ekelt man sie davon oder beutet sie für systemerhaltung aus. gesellschaftsökonomisch einfach so ziemlich das dümmste was man tun kann.
2) die postpromotionelle ausbildung in weiten teilen europas und der welt IST UM WELTEN BESSER als in österreich. gute stellen in österreich sind die ausnahme. in skandinavien jedoch sind im vergleich dazu schlechte stellen die ausnahme. das kann ich mit ruhigem gewissen behaupten.
3) sollten wir alle, also die ausgewanderten kollegen, als fachärzte zurückkommen dann hat österreich eigentlich einen jackpot gemacht. fertige fachärzte sind mittlerweile auf dem arbeitsmarkt in europa so heiß umkämpft und stellenangebote teilweise so attraktiv dass die angebote in österreich vergleichsweise armselig dastehen. und aus reinem altruismus werde ich auch nicht zurückkommen, sondern wenn dann weil ich meine heimat mag. in praktisch allen ländern europas gibt es einen fachärztemangel, mehr oder weniger stark ausgeprägt.
4) wer eine gute ausbildung unter menschenwürdigen bedingungen will, der muss einfach auswandern. man braucht sich ja nur anzuschauen was derzeit wieder am AKH los ist. die gründe dafür liegen in unserer verkorksten gesundheitspolitik die planlos ohne gesamtösterreichische zielvorstellungen mit zahlreichen mehrgleisigkeiten geld verbrennt das wir gar nicht haben (stichwort eurokrise). in skandinavien beispielsweise sind qualitätsgesicherte ausbildung, ausreichend freizeit, kinderkriegen, kinderbetreuen und -betreuen lassen usw ohne probleme miteinander vereinbar, und das bei flacher hierarchie und einem wesentlich besseren grundlohn als in österreich, wo man sein gehalt mit zahl- und endlosen diensten auffetten muss um davon eine familie ernähren zu können.
und last but not least: wer möchte nicht gern in seiner heimat leben? natürlich SOLL niemand auswandern. aber wenn man die alternative hat und motiviert ist, dann SOLL man selbstverständlich auswandern, nicht zuletzt auch deswegen um seinen horizont zu erweitern und von anderen ländern zu lernen wie man einiges anders und vieles besser machen kann als es derzeit in österreich ist. jedesmal wenn man beim heimaturlaub den freunden erzählt wie es in skandinavien ausbildungstechnisch zugeht erblassen alle vor neid, und das ist keine übertreibung.
sorry aber die wahrheit muss man den leuten schon sagen. und ich finde es wichtig die leute zu informieren welche möglichkeiten sie heutzutage haben, nicht zuletzt dank EU und der verbesserten mobilität.
finde aber initiativen wie ihre durchaus lobenswert, leider hat das system österreich aber von einzelinitiativen nicht so viel wie wenn man das gesamte system nachhaltig verändern und verbessern würde. schöne grüße in meine heimatstadt bad vöslau!
@Dr D
Tampere war als Beispiel gedacht. Und ja dort war ich auch schon. In sehr jungen Jahren. Nur nicht als Arzt.
@Dr S
weil wir Säuglinge behandeln ?
Sia
Ja.
Ist nicht meine persönliche Meinung (dazu hab ich von Kinderheilkunde zu wenig Ahnung) aber ich hab nicht nur einen Pädiater gehört, der mir eindringlich erklärt hat, Kinder gehörten ausschließlich in die Hände von Kinderfachärzten.
Wie gesagt, ich will da keine Wertung abgeben, sondern mußte bei dem Statement nur dran denken.
Hallo Herr Kollege!

Schönes Interview.
Wie lange waren sie in Finnland? Warum sind sie gerade nach Finnland gegangen?
Bin nur neugierig
Schöne Gruesse aus Helsinki
Sehr angenehmes Interview mit höchst differenzierten Sichtweisen. Gratulation.

PS: Ich kenne einige Kinderärzte, die bei der Meldung über die Säuglinge an die Decke gehen würden.