Sprechen Sie Ausländisch? - Ein Erfahrungsbericht

Artikel - Am Samstag, 03.03.2012 von 15:00 bis 16:00 Uhr findet unser Vortrag "Sprechen Sie Ausländisch?" statt. Ziel dieser Veranstaltung ist es, für dieses schwierige und oftmals auch heikle Thema zu sensibilisieren und zu informieren. Oft es ist gar nicht die Sprache sondern das mangelnde Einfühlungsvermögen, dass Mitarbeitern im Gesundheitswesen abgeht. Wie man es besser machen kann, liest du im folgenden Text.

Während meiner Zeit als Physiotherapeutin an der Neurologischen Universitätsklink am Allgemeinen Krankenhaus in Wien hatte ich immer wieder mit Patienten zu tun, die die deutsche Sprache nur sehr mangelhaft oder auch gar nicht beherrschten. Mit der Zeit bekam ich Übung darin auch mit diesen Patienten zu kommunizieren und mit ihnen eine effektive Physiotherapie durchzuführen.

Seit einem Jahr bin ich als Physiotherapeutin bei Amber-Med tätig und behandle dort AsylwerberInnen und MigrantInnen. Diese Menschen, sie kommen meistens wegen einer Schmerzsymptomatik im Haltungs- und Bewegungsapparat, haben durchwegs schlechte bis gar keine Deutschkenntnisse. Die wesentlichen Basisinformationen erhalte ich aus der Krankenkartei und manchmal von einer Begleitperson, die etwas besser Deutsch spricht, selten von einem Dolmetscher oder einer Dolmetscherin. Mir ist es wichtig den Patienten wissen zu lassen, dass die Therapie nicht etwas sein soll, das man „erleiden“ muss. Er mir soll mir mitteilen, wenn er Schmerzen hat, das kann man immer, auch wenn man nicht das deutsche Wort dafür weiß. An und für sich behandle ich den Patienten lieber ohne Übersetzer. Ich kann dann unmittelbar auf ihn eingehen und auch der Patient lernt es sich auf mich einzustellen. Es ist für mich immer wieder spannend und schön zu sehen, wie wir uns verständigen, ohne dass einer die die Sprache des anderen beherrscht. Auch wenn der Patient meine Worte nicht versteht, spreche ich mit ihm, meist leise und sanft, um ihm durch den Klang meiner Stimme zu vermitteln, dass jetzt nicht Schlimmes passiert.

Manche dieser Menschen haben schon massive Gewalterfahrungen hinter sich und ich möchte, dass es ihnen hier bei mir gut geht. Ich versuche mit meinen Händen zu spüren, wo es ihnen weh tut und wie ich ihnen helfen kann die Schmerzen zu lindern und Verspannungen zu lösen. Ich führe ihre Bewegungen um diese zu rhythmisieren und das Bewegungsausmaß vorsichtig zu vergrößern. Durch den Druck meiner Finger und durch meine – je nach Notwendigkeit – nachdrücklichere Stimme gelingt es mir die Körperhaltung zu verbessern. Mit Hilfe von Gesten und dem Vorzeigen von Bewegungen leite ich sie zu Übungen an. Einmal kam ein Patient mit starken, durch eine Arthrose verursachten Schulterschmerzen. Er konnte den Arm kaum bewegen.

Obwohl er fast kein deutsches Wort verstand, fasste er sehr rasch Vertrauen, legte sich auf das Therapiebett und überließ mir seinen Arm – seinen Arm, der bei jeder Bewegung, die ein sehr eingeschränktes Ausmaß überschritt, furchtbar schmerzte. Er spannte nicht dagegen und ließ mich machen. Vorsichtig tastete ich mich an seine Schmerzgrenze heran und versuchte langsam das Schultergelenk zu mobilisieren. Und am Ende jeder Therapieeinheit konnte er den Arm ein bisschen besser bewegen.

Das Vertrauen, das mir manche Patienten entgegen bringen berührt mich und erweckt in mir den Wunsch, besonders einfühlsam und sorgsam mit ihnen umzugehen. In der Physiotherapie liegt die Möglichkeit verborgen mit den Menschen, auch bei sehr geringem Sprachverständnis unmittelbar zu kommunizieren und ihnen in manchen Leiden zu helfen.

Christine Huber

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