Betrachtungen Werner H. Wanko, Der Einzelne im Spital
Im Spital ist man oft ganz auf sich alleine gestellt, weit entfernt von Teamwork.
Man kommt als naiver und fertiger Medizinstudent in das Spital und sieht spätestens dann die Kehrseite, akzeptiert schnell und fügt sich ein.
Was soll man denn sonst mit einem fertigen Medizinstudium tun? (Im Durchschnitt dauert es ca. 6 bis 9 Jahre.) Eine neue Ausbildung beginnen? Was tut man also?
Man toleriert, man findet sich ab und versucht das Beste daraus zu machen. Oder man geht!
Ich habe oft gemerkt wie wenig der Einzelne gefördert wird und persönliche Eigenheiten im stressgeplagten Arbeitsumfeld als Problem ausgelegt werden. Dabei sind es nicht unzufälligerweise genau diese individuellen Merkmale, die die Medizin humaner machen könnte.
Oft ermutige ich meine Kollegen zu sich zu stehen und nicht bloß ein Rädchen zu sein, das es allen anderen Rädchen recht zu machen versucht.
Das ist für mich eine Unzumutbarkeit.
Auf die Besonderheiten, auf die Stärken und Schwächen des Einzelnen wir nicht eingegangen. Du musst immerzu geben, Du musst Dich anpassen, Du musst die Konsequenzen tragen, ob Du sie kennst oder nicht. Du musst alles aushalten.
Da verwundert es mich nicht, dass man eines Tages, wenn man mal weiter oben in der Hierarchie ist, genau das austeilt, was einem selber angetan worden ist.
Ich sage es noch einmal, es ist eine Unzumutbarkeit, die neue Missstände nach sich zieht.
Ich mag es manchmal nicht recht zu haben. Ich schreibe das, eben weil es auch andere Wege gibt. Ohne diesen wären meine Zeilen sinnlos. So zeigen sie aber alle in diese Richtung: Für eine neue, beginnende Medizin des Herzens.
Als ich eine Kündigungsdrohung unter 4 Augen bekam, angeblich wegen Fehler oder Beleidigungen, habe ich bemerkt, wie rau das Klima sein kann und wie ersetzbar der Einzelne ist.
Ich möchte niemandem übel nachreden. Ich habe zusammen mit meinen Kollegen erfahren wie unangenehm so etwas ist.
Ich halte fest, was ich erlebt habe, zusammen mit meinen eigenen Gedanken.
Ich erinnere mich als ich im Moment sehr großen Stresses einer Oberärztin am Telefon sagte, dass ich mich am liebsten in drei Teile teilen möchte. Damit war ich beleidigend und inkompetent. Sie wollte danach nicht mehr mit mir zusammenarbeiten.
Ich erinnere mich, dass ich auf einer Station war, für die insgesamt 4 Sekundar- bzw. Turnusärzte vorgesehen waren. Wegen Unterbesetzung war ich Wochen lang die meiste Zeit alleine. Noch dazu war ich ein Neuling. Es war sehr anstrengend und wohlgemerkt spreche ich hier nicht von einem Bürojob, wo man mal mehr arbeitet oder Arbeit liegen lassen kann. Das Patientengut ist dasselbe, man kann nichts liegen lassen.
Da sagte ich zu einem Oberarzt, als es für meine angeblich fehlerhafte Arbeit einige Beschwerden gab:„Ich finde, dass ich durch die harte Schule gehe.“
Er meinte: „Das stimmt nicht. Sie gehen nicht durch die harte Schule. Mir ging es genauso.“, während er eine seiner unzähligen Zigaretten rauchte. Ich verstand seinen Schmerz.
Schließlich musste ich mich vor meinen Mitkollegen für meine „schlechte Arbeitsmoral“, (die man als Ursache für meine „Fehler“ ansah) rechtfertigen. Wirkliches Mitleid, für die großen Anstrengungen, Probleme und eigenen Gefühle gibt es unter Kollegen selten, da wir stark sein müssen. Keiner will von den anderen als schwach angesehen werden.
Manchmal erzählen wir uns dann doch von unseren Gefühlen, wenn gerade niemand im Raum ist, dem wir misstrauen.
Im Dienstzimmer der Jungärzte hängt ein einzelnes Rambo-Poster über dem Bett.
Man sieht die Großaufnahme eines bewaffneten Soldaten im Kriegseinsatz, der bereit ist ganz alleine gegen den Rest der Welt zu kämpfen.
Es ist bezeichnend.
Manche jammern und klagen, andere haben es aufgegeben. Friss oder stirb. Niemand zwingt dich den Turnus zu machen, außer die Angst auf der medizinischen Strecke zu bleiben und die Hoffnung eines Tages schlussendlich wieder da raus zu kommen.
Als Turnusarzt stellt man sich in Österreich in ein System, wo man schnell lernt auf sich selbst zu schauen.
Es ist eine Tatsache, dass zu viel Arbeit ein schlechtes Arbeitsklima bedingt. Das ist das Paradoxe an der ärztlichen Tätigkeit. In kaum einen Beruf wie in diesem kann man tagtäglich sehen, wie eine unglückliche Arbeitssituation Krankheiten fördert und selbst steckt man in derselben krank machenden Position.
Ich habe mich oft darüber gewundert, wie wenig wir das tun, was wir wissen.
Bis auf die, die weit oben in der Hierarchie stehen oder ihre Schäfchen schon im Trockenen haben. Für sie ist diese alte Medizin sehr förderlich. Ich glaube, das ist die traurige Wahrheit, die hinter so vielen Problemen steht: Nämlich dass diejenigen, die es nach großen Anstrengungen nun endlich gut haben, weit oben in der Hierarchie sind und es sie nun nicht mehr interessiert irgendwas zu verändern.
Wer daran zweifelt, den lade ich ein sich zu fragen, warum die Köpfe der Menschen wirklich so starr sind?
Der andere Grund ist der, dass viele Mediziner nach unzähligen Überstunden sich keine andere Medizin mehr vorstellen können und wollen. Diese Medizin ist ihr ganzes Leben.
Es gibt oft Zeiten, da weiß ich nicht, ob ich morgen für einen Kollegen einen 24-Stunden-Dienst übernehmen muss oder nicht. Viele Freizeitpläne fallen so schnell ins Wasser. Da die Spitäler schon von vornherein auf Reserve fahren, bedeutet jeder Ausfall viel Sonderfleiß und auch viel Druck. Wer will seine Kollegen denn schon im Stich lassen, vor allem wenn man weiß wie sehr man die Unterstützung der anderen braucht?
Wie viel Freizeit dürfen Ärzte haben, auch wenn die meiste Freizeit nur Regenerationszeit für den nächsten Dienst ist?
Urlaubsanträge ziehen oft sehr lange Debatten nach sich. Man muss haargenau kalkulieren. Wird jemand krank, dann beißen die anderen besonders rein und verzichten auf ihre Regeneration.
Ist der Arztberuf zwingenderweise mit Aufopferung gleichzusetzen oder sind Ärzte - egal ob jung oder alt - auch nur Menschen?
Müssen oder können Ärzte mehr leisten als andere Berufsgruppen, noch dazu wenn sie soviel Verantwortung tragen?
Die Unzufriedenheit ist hinter den Türen oft haarsträubend aber nicht verwunderlich. Die Liebe zueinander und zu der Arbeit ist zumeist verlorengegangen, es geht darum die Arbeit zu Ende zu bringen. Aber niemand würde das offen aussprechen. Die Jungen suchen den Anschluss, die Alten die Ruhe.
Immer wieder berührt es mich zutiefst wie sehr das Personal eines Spitals, allen Problemen trotzend, sich bemüht ihr Bestes zu geben, unter großem unbezahlbarem persönlichem Einsatz.
Die Pflege und die ärztliche Zuwendung sind ein großer Schatz unserer Gesellschaft.
Gerade in schwierigsten Situationen ist die menschliche Anteilnahme oft zu Tränen rührend.
Die Wertschätzung fällt oft viel zu gering aus.
Werner H. Wanko
werner.wanko@gmx.at
nächste Woche in Teil 6: Der Patientenanwalt und die Defensivmedizin
Teil 1: Betrachtungen Werner H. Wanko Teil 1 (Vorwort)
Teil 2: Betrachtungen Werner H. Wanko: Schuld und Schweigen der Lämmer
Teil 3: Betrachtungen Werner H. Wanko: Bezahlung, Arbeits- und Ruhezeiten
Teil 4: Betrachtungen Werner H. Wanko: Die Ausbildung eines Turnusarztes
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