Turnusarzt in Süddänemark

Thomas Feurstein berichtet über seine Entscheidung den Turnus nicht in Österreich, sondern in Dänemark zu beginnen. Wie es ihm dabei ergangen ist, lest ihr in seinem Beitrag.

Im Herbst 2008 erfuhr ich, dass die Region Süddänemark so genannte Basislæger (entspricht unserem Turnusarzt) für 1 Jahr suchen. Selbstverständlich mit der Option die Ausbildung zu verlängern und auch den Facharzt in Dänemark zu absolvieren. Ich ergriff meine Chance und schickte eine Online-Bewerbung ab.
Schon nach wenigen Tagen erhielt ich einen Antwort und wurde für 2 Tage nach Dänemark eingeladen. Dort bekam ich noch genauere Informationen zum Thema „Leben und Arbeiten als Basislæge“ in Dänemark.
Folgendes wurde mir angeboten:

• 1-jährige Ausbildung (6 Monate Interne und 6 Monate Chirurgie) mit abschließender Approbation (gilt auch in Österreich)
• Anrechnung dieser Zeit von der österreichischen Ärztekammer
• 2 monatiger Intensivsprachkurs (auch für den/die Partner/in wenn diese mitkommt)
• Unterstützung bei der Wohnungssuche in Dänemark
• Grundgehalt von ca. 2200 EUR netto
• 37-Stundenwoche

Ich kam Anfang Jänner 2009 nach Dänemark und begann mit meinem 2 monatigen Intensivsprachkurs. Während dieser Zeit erhielt ich bereits Gehalt und war ca. 1 bis 2 Mal die Woche für ca. 8 Stunden im Krankenhaus. Dort wurde ich sehr herzlich von meinen zukünftigen Kollegen empfangen und lernte den Krankenhausalltag langsam kennen. Während dieser Zeit musste ich keine Dienste übernehmen und durfte mich ganz aufs zuschauen, lernen und natürlich auf das Dänische konzentrieren.

Da ich ohne jegliche Dänischkenntnisse ins Land kam, war die Sprache anfangs schon eine Herausforderung. Es fiel mir schwer Patienten und Kollegen zu verstehen, dennoch merkte ich von Woche zu Woche wie ich mich verbesserte. Die größten Probleme waren nach den 2 Monaten Kurs weg und nach 2 weiteren Arbeitsmonaten fühlte man sich langsam sicherer. Auch der wöchentliche Sprachkurs den das Krankenhaus anbietet und den Kontakt zu meinen dänischen Freunden helfen die Sprache gut zu lernen.

Meine ersten 6 Arbeitsmonate absolvierte ich an der Internen Abteilung des Krankenhauses Aabenraa. Als Turnusarzt arbeitet man abwechsenld an drei verschiedenen Stellen: 1. Im Ambulatorium wo geplante Pantienten behandelt werden. Hier in Aabenraa waren das Patienten mit endokrinologischen Erkrankungen. 2. Visite: Man bekommt seine eingenen Patienten die man gemeinsam mit einer Schwester visitiert. Man arbeitet also sehr selbstständig, trifft selbst die Entscheidungen zur Diagnostik, Therapie, Entlassung. Man arbeitet hier Seite an Seite mit den Oberärzten. Jeder macht seine Visite. Es ist jederzeit möglich einen erfahreren Kollegen zu fragen. 3. Forvagt (=”Vorwacht”, Akutposition): Als Forvagt nimmt man die akuten Patienten die von den Allgemeinmedizinern ins Krankenhaus eingewiesen werden entgegen. Man setzt die Diagnostik in Gang und startet selbstständig mit der ersten Therapie. Weiters ist man für die Notfallaufnahme zuständig, wo die akuten Patienten mit der Rettung ankommen. Auch hier hantiert man selbstständig aber mit dem Wissen jederzeit den diensthabenden Oberarzt zu konsultieren oder zur Stelle zu bitten.

Seit September 2009 arbeite ich auf einer organchirurgischen Abteilung wo man neben den Aufgaben Visite, Ambulatorium, Forvagt auch bei den OPʼs mithelfen kann. Man darf auch kleine Sachen selber machen: Abszess-OP, Gastroskopien.

 

Im Allgemeinen kann ich sagen, dass das Arbeitsumfeld hier in Dänemark wesentlich entspannter ist und die flache Hierarchie ein sehr gutes Zusammenarbeiten möglich macht. Ich konnte jeder Zeit bei Unklarheiten fragen. Im Gegenteil meine Kollegen waren verwundert, wenn ich es nicht tat! Somit ist es mir möglich sehr selbständig zu arbeiten, aber bei Problemen jederzeit die Hilfe eines erfahrenen Arztes in Anspruch nehmen zu können.

Die Gegend hier ist eher ländlich. Die Städte sind Sönderburg, Aabenraa, Kolding, die zwischen 20.000-60.000 Einwohner haben. Landschaftlich geprägt vom Meer, das immer in der Nähe liegt. Es gibt keine Stelle in Dänemark die weiter als 50 km vom Meer entfernt ist.

Ich kann so ein Jahr nur weiterempfehlen. Falls ihr an einem Jahr in Dänemark interressiert seid, könnt ihr gerne bei Lasse Mortensen von der Regionsverwaltung anfragen. Er spricht sehr gut deutsch und kann euch auch gerne weiterhelfen so ein Jahr zu planen. Lasse.Mortensen@regionsyddanmark.dk

Infoseite der Region Süddänemark: http://www.jobdk.eu

Thomas Feurstein
feurstein@directbox.com

Hier bin ich vor dem “Reichsspital” in Kopenhagen.

Die alte Hafenstadt Aabenraa.

Sønderborg vom Schloss aus gesehen. Im Hintergrund die 4 Türme des Krankenhauses.

Die Nordseeküste.

Die alte Hauptstadt Dänemarks: Ribe.

Flach und kalt im Winter.

Flach aber wärmer im Sommer.

Mit dem Auto am Strand und Drachen steigen lassen auf Rømø.

Kommentare

worktrotter User offline. Last seen 2 Jahre 9 Wochen ago.
keine Medizinerin
Beigetreten: 09.03.2010
Beiträge:
Gruppen: Keine

Hallo Thomas und weitere Dänemark-Interessenten, bin gerade über dieses Forum gestolpert. Bin keine Ärztin, doch kann meine Information für euch trotzdem hilfreich sein.
Das Programm mit den österreichischen Ärzten hat in Dänemark für große Aufmerksamheit gesorgt. Und das ist natürlich für euch hilfreich, denn wo viel Aufmerksamkeit ist, gibt es auch viel Hilfe.
Thomas' Punkte bzgl. Selbständigkeit kann ich nur unterstreichen. Die Arbeitszeiten sind toll und es gibt eine viel entspanntere Arbeitsatmosphäre. Sind wir denn hier im Paradies gelandet? Klar, fragt man da, ob es keine Schattenseiten gibt.
 
Seit ich nach Dänemark umgezogen bin, habe ich ein Netzwerk gestartet, das inzwischen mehr als 2.000 Mitglieder umfasst und in den Gesprächen kommt immer wieder die Sprache auf Reibungsflächen. Paar Beispiele:
- Natürlich die kulturellen Unterschiede. Man erwartet dass sie eher gering sind und vielleicht tauchen auch deshalb die Überraschungen so unverhofft auf.
- Dänen haben ein Netzwerk, das oft aus Schultagen (oder von noch früher) stammt, somit sind sie bezüglich Freundeskreis eher gesättigt. Einen dänischen Freundeskreis aufzubauen ist deshalb nicht so einfach.
- Dadurch, dass Dänemark so homogen ist, sind Unterschiede oder unterschiedliche Vorgehensweisen (besonders zwischen menschlich) nicht so gewöhnlich. Das ruft Missverständnisse und Irritationen hervor.
 
Doch, was ich festgestellt habe, ist: wenn man diese unterschiedlichen Sachen kennt, weiß woher sie kommen, was die üblichen Höflichkeitsformeln sind, usw. usw. kann man damit viel besser umgehen und sich schneller einleben. Und es sind die kleinen Dinge des Alltags, die uns oft zu schaffen machen und nach denen man noch nicht mal fragen kann, weil wir als Dänemark-Neuling davon noch nichts wissen.
 
Damit nicht jeder Zuzügler durch die gleichen Erfahrungen geht, und wir sozusagen das Rad immer neu erfinden, habe ich alle wichtigen Informationen zum Leben und Arbeiten in Dänemark in einem Buch zusammengefasst: der Worktrotter-Ratgeber für Dänemark. Er enthält Informationen auf einem Detail-level, wie Zuzügler sie brauchen und ist aus dem Blickwinkel von Nicht-Dänen geschrieben. Wo können Probleme auftreten, wie können sie gelöst werden. Viele Tipps von Neuankömmlingen sind enthalten, so dass man von der Erfahrung anderen profitieren kann.
Vielleicht ist das Buch ja auch für euch von Interesse. Damit könnt ihr euch besser auf Dänemark vorbereiten, es hilft bei der Entscheidung bzgl. Umzug, und hift mit all den vielen praktischen Fragen, wenn ihr dann vor Ort sein.
 
Viele Grüße,
 
Dagmar Fink
http://www.worktrotter.dk

kies User offline. Last seen 2 Jahre 14 Wochen ago.
Turnusarzt
Beigetreten: 27.05.2009
Beiträge:
Gruppen: Keine

 Hallo und vielen Dank für eure Kommentare.
Einige haben nach dem Haken oder nach negativen Aspekten gefragt. Da sei gesagt, dass es diese natürlich auch gibt. Man muss aus seiner gewohnten Umgebung und seiner Familie, Freunde, Bekannte wegziehen und sich in einem fremden Land wieder ein soziales Netzwerk aufbauen. Das kann aber auch sehr spannend und interessant sein. Natürlich gibt es auch frustrierende Tage und Dienste, oder den einen oder anderen Kollegen auf den man verzichten könnte. So was ist hier nach meiner Erfahrung und der meiner österreichische Kollegen viel seltener als man das von zu Hause gewohnt ist.
Ich selbst hatte, bevor ich hier angefangen habe, keine klinische Erfahrung. Die Basisausbildung richtet sich auch an Uniabsolventen ohne vorherige Arbeitserfahrung.
Ja, die in Dänemark erworbene Approbation wird in Österreich anerkannt. Man darf aber das nicht mit der abgeschlossenen Ausbildung zum Arzt für Allgemeinmedizin verwechseln. Die Approbation ermöglicht dir das selbstständige, eigenverantwortliche Arbeiten, ist aber nicht mit dem Allgemeinmediziner gleichzustellen. Man bekommt auch keinen Kassenvertrag damit. Die genaue rechtliche Stellung könnt ihr aber bei der Österreichischen Ärztekammer erfragen.
Es werden auch wieder Interessenten für ein Basisjahr in Süddänemark gesucht.
 
Schöne Güße aus Dänemark,
Thomas Feurstein

Muriel User offline. Last seen 7 Wochen 6 Tage ago.
Medizinstudent
1. Jahr Humanmedizin (neuer Studienplan)
Beigetreten: 27.05.2009
Beiträge: 30

Big smile
Ja genau ich bin auch eher an den dunklen Seiten einer Medizinertätigkeit im Alltag interessiert mit Anfangsschwierigkeiten und großen Stolpersteinen, die man natürlich übersehen hat!....Alles andere bekommt doch eh in jeder Podiumsdiskussion vorgegaukelt!!!!!!!
 
LG und tschüss

turnissa User offline. Last seen 1 Jahr 44 Wochen ago.
Turnusärztin
Beigetreten: 30.10.2009
Beiträge:
Gruppen: Keine

1-jährige Ausbildung (6 Monate Interne und 6 Monate Chirurgie) mit abschließender Approbation (gilt auch in Österreich)
 
Wie, und die Approbation gilt auch in Österreich??????????????????

amchirurg User offline. Last seen 6 Stunden 52 Minuten ago.
Medizinstudent
Beigetreten: 27.05.2009
Beiträge: 817

sehr informativ - danke vielmals ! Smile

jigojaponicum User offline. Last seen 6 Wochen 2 Tage ago.
Medizinstudent
Beigetreten: 27.05.2009
Beiträge: 47
Gruppen: Keine

Hallo Dr.Thomas!
 
           Verfügst du schon einige Turnuserfahrungen bevor deine bewerbung? Wie zum biespiele "fertige Turnus in Ö"? Ich habst gehört sie bevorzugten "Erfahrene Ärzte".
          

hemingway User offline. Last seen 1 Jahr 36 Wochen ago.
Turnusarzt
Beigetreten: 27.05.2009
Beiträge: 3
Gruppen: Keine

Das klingt insgesamt sehr gut, danke für den ausführlichen Bericht mit Photos und Kontaktdaten!

Cikko User offline. Last seen 10 Wochen 4 Tage ago.
Medizinstudent
6. Jahr Humanmedizin (neuer Studienplan)
Beigetreten: 27.05.2009
Beiträge: 107
Gruppen: Keine

Cooler Bericht.
eine frage. wie sind die däninnen eigentlich so?

powercraft User offline. Last seen 9 Stunden 22 Minuten ago.
Bild von powercraft
Chefredakteur
Forum Moderator
Medizinstudent
4. Jahr Humanmedizin (neuer Studienplan)
Wohnort:
Beigetreten: 27.05.2009
Beiträge: 1087

Wahnsinn, da möchte man ja sofort auswandern.

“If you can't explain it simply, you don't understand it well enough”
Albert Einstein

Conny1982 User offline. Last seen 11 Stunden 43 Minuten ago.
Bild von Conny1982
Medizinstudentin
Beigetreten: 27.05.2009
Beiträge: 309

klingt sehr interessant!

HolyDarkness User offline. Last seen 47 Minuten 20 Sekunden ago.
Medizinstudent
Beigetreten: 27.05.2009
Beiträge: 36
Gruppen: Keine

Liest sich ja fast ein bischen zu perfekt. Es würde sicherlich helfen, auch die negativen Seiten etwas herauszuarbeiten. Oder gibt es die nicht? Tongue

fsa User offline. Last seen 4 Wochen 3 Tage ago.
Medizinstudent
4. Jahr Humanmedizin (neuer Studienplan)
Beigetreten: 27.05.2009
Beiträge: 23

Ok....und wo ist der Hacken? *gg*
 
Echt spannende Sache jedenfalls, danke für den Bericht! Smile
 
 

vuze User offline. Last seen 2 Tage 9 Stunden ago.
Medizinstudent
3. Jahr Humanmedizin (neuer Studienplan)
Wohnort:
Beigetreten: 27.05.2009
Beiträge: 56

Danke für den interessanten Beitrag! Smile

Online: 35 Benutzer, 61 Gäste