Interview mit Dr. Klaus Renoldner zum Thema Radfahren

Die österreichische Ärztekammer mischte sich zuletzt in die hitzige Diskussion rund ums Radfahren mit Forderungen wie einer verpflichtenden Zulassung für Radfahrer oder der Abschaffung der STVO-geregelten Möglichkeit gegen gekennzeichnete Einbahnen fahren zu können, ein.

Aus diesem Grund führten wir ein Interview mit Dr. Klaus Renoldner, einem passionierten Radfahrer und Arzt.

 

TURNUSARZT.com: Sg. Dr. Renoldner, was hat Sie zu einem begeisterten Radfahrer gemacht?

Dr. Renoldner: Radfahren war mir von Kindheit an vertraut, unsere Hochzeitsreise war übrigens eine Radtour, die uns unter anderem über die Großglockner Hochalpenstraße führte, wo uns im Juli 1977 dann massiver Schneefall überraschte. Bei meiner ärztlichen Arbeit im Kongo und in Paraguay in den 70er und 80er Jahren war mir das Fahrrad ein nützliches Transportmittel, sehr sinnvoll in entlegenen Gegenden, wo es kein Benzin zu kaufen gibt. Mir war immer klar, dass Radfahren gesund und umweltfreundlich ist.
Aber die stärkste Motivation seit der Konferenz von Rio (1992) ist sicher die Nachhaltigkeit. Wir wissen, dass die Verbrennung von Erdöl, Gas und Kohle in Autos, Industrie und Heizungen die Hauptursache für die Klimakatastrophe ist. Die Zahl der Opfer von hydrometeorologischen, also Klimawandel-bedingten Katastrophen ( hauptsächlich Dürre und Überschwemmungen ) betroffenen Menschen in Entwicklungsländern ist seit 1970 von jährlich 38 Millionen auf 262 Millionen angestiegen (UNDP). Die Zahl der zusätzlichen Todesopfer wurde von einer UN-Sonderkommission 2008 auf 300.000 pro Jahr geschätzt.
Ich sage in meinen Vorträgen gern: Stellen Sie sich vor es wäre umgekehrt: Die Afrikaner hätten eine Erfindung gemacht, die ihnen das Leben bequemer macht, mit der Nebenwirkung, dass in Europa und Nordamerika jährlich Millionen Menschen verelenden und 300.000 zusätzlich ums Leben kommen.
Wir wissen, dass wir unsere Treibhausgasemissionen in den Industrieländern sofort auf ein Fünftel senken müssen. Es ist klar, dass da unser herkömmliches Auto ausgespielt hat.
Als Landarzt im Waldviertel mit wöchentlichen Verpflichtungen in Wien hatte ich bis 1995 eine Jahresmobilität von 30.000 Autokilometern. 1995 dachte ich, wenn ich mich sehr anstrenge und viel Rad und Bahn fahre, kann ich das vielleicht auf die Hälfte reduzieren. Dann war ich selbst verblüfft, was alles möglich ist. Obwohl ich 19 km zum nächsten Bahnhof habe, konnte ich meine Autokilometer auf unter 2000 reduzieren (dringende Visiten, Hybridauto) und mache die übrigen 28.000 km etwa zur Hälfte mit der Bahn und mit dem Fahrrad. Vor zehn Jahren wurde ich von vielen noch belächelt. Das Bewusstsein ist zwar seither gestiegen, doch ich merkte, dass sich viele mit dem Umstieg sehr schwer tun. Es fehlt an Kreativität und logistischen Wissen. So habe ich 2006 das MOBILITY-Lernspiel entwickelt und seither in mehreren europäischen Ländern viele Vorträge und MOBILITY-Workshops, quasi eine Starthilfe zum Bewältigen der nötigen Energiewende gehalten.

TURNUSARZT.com:
Laut einer WHO-Studie hat das Radfahren einen grossen volkswirtschaftlichen Nutzen. Wodurch lässt sich das erklären?

Dr. Renoldner: Das ist immer noch zu wenig bekannt. Was ich seit langem vermutete, wurde durch mehrere unabhängig geführte Studien bestätigt: regelmäßige RadfahrerInnen leiden signifikant weniger an Herz-Kreislauferkrankungen, Lungenerkrankungen, Brustkrebs, Dickdarmkrebs, Diabetes IIb, Osteoporose und einigen anderen Krankheiten. Sie brauchen weniger Medikamente, Ärzte und Krankenhaustage und sind weniger Tage im Krankenstand.
Die WHO entwickelte aus diesen Daten das HEAT (Health Economic Assessment Tool) for Cycling. Auf dessen Basis ließ das österreichische Lebensministerium 2009 die Fakten für Österreich berechnen und siehe da:
Obwohl die Österreichischen RadlerInnen im Schnitt nur knapp 200 km jährlich radeln, werden dadurch im Jahr 412 Menschenleben gerettet und 405 Millionen € Gesundheitskosten eingespart.Ein Effekt, der sich durch Rad-Fördermaßnahmen vervielfachen lässt.
Inzwischen gibt es weitere hoch interessante Studien zu Radfahren und Gesundheit, eine spanische aus Barcelona erschien erst jüngst im BMJ.

TURNUSARZT.com:
Ärztekammerpräsident Dorner liess kürzlich mit einer ungewöhnlichen Forderung aufhorchen. Er forderte unter anderem eine verpflichtende Zulassung für Radfahrer, sowie Verbot der gekennzeichneten Einbahnen, die Radfahrer gegen die Fahrrichtung befahren dürfen. Würden diese Massnahmen Sinn machen, dh. die Sicherheit der Radfahrer tatsächlich erhöhen?

Dr. Renoldner: In Diskussionen wird immer geäußert, Radfahren sei zu gefährlich. Tatsächlich geht die Gefahr hauptsächlich von den Autos aus (hundertfache kinetische Energie). Länder wie die Niederlande und Dänemark, die den Radverkehr gezielt durch sichere Wege gefördert haben, haben fünf mal so viel Radfahrkilometer pro Einwohner und niedrigere Unfallzahlen, aber keine Fahrradkennzeichnung.

TURNUSARZT.com: Der Menschenverstand sagt einem, dass Radfahrer aus ureigenem Interesse mit grosser Aufmerksamkeit und defensivem Verhalten unterwegs sein sollten, Autofahrer aufgrund des von ihnen ausgehenden Gefahrenpotenzials auf schwächere Verkehrsteilnehmer Rücksicht nehmen sollten. Trotzdem hat man das Gefühl, dass die Aggressivität im Strassenverkehr zunimmt. Wie könnte man hier aus Ihrer Sicht sinnvoll gegensteuern und damit das Radfahren attraktiver machen um von den obigen Vorteilen zu profitieren?

Dr. Renoldner: Eben durch gezielte Verkehrsmaßnahmen: dafür gibt es inzwischen namhafte Spezialisten und viele gute Vorzeigebeispiele: etwa die Städte Bocholt, Salzburg und Groningen, aber auch zB Bogotá. Außerdem Schulungen Radfahrunterricht in allen Schulen inklusive Sicherheitsmaßnahmen. Aktionen von Städten, Gemeinden, Betrieben. Ich selber biete meine Workshops an.

TURNUSARZT.com: Wie begeistern Sie persönlich Ihr Umfeld fürs Radfahren?
Die Motivationsforschung und die Neurobiologie lehren uns, dass nicht trockene Information, sondern Betroffenheit und gemachte Erfahrung Verhaltensänderung bewirken kann. Deshalb versuche ich, die Menschen, mit den erschütternden Fakten unseres nicht nachhaltigen Lebensstils an Hand von zahlreichen UN-Daten und Bildern betroffen zu machen. In Szenarien trainieren wir dann Mobilitätslogistik an konkreten Beispielen der Teilnehmer und suchen kreative gesunde und umweltfreundliche Lösungen. Die Teilnehmer sind oft selbst verblüfft, wie sehr eingefahrene Gewohnheit des Alltags unser Denken einschränkt. Vieles ist möglich, wenn wir dafür offen sind.
Außerdem, versuche ich, das "Prinzip der dreifachen Entlastung" zu vermitteln. Ich habe nach zahlreichen Experimenten und Vergleichen entdeckt, dass unsere Mobilitätssystem zwar das größte Problem für den Klimawandel darstellt, aber zugleich im Mobilitätsumstieg die größte Chance für eine rasche Energiewende und als ersten Schritt für das Erreichen des persönlichen Energiewendepunktes besteht. Mehr darüber können Sie auf meiner Website nachlesen: www.renoldner.eu


Zur Person:
Dr. Klaus Renoldner wurde am 4. April 1949 in Oberösterreich geboren, und hat nach dem Gymnasium in Linz und anschließendem Präsenzdienst Medizin, Psychologie, Ethnologie und Kunstgeschichte studiert.
Er arbeitete als Arzt in Afrika, Lateinamerika und Österreich, seit 1983 ist er als Gemeindearzt der Gemeinde Pölla im Waldviertel, Niederösterreich tätig.
Zitat:“ Ich halte das Fahrrad für eine der größten Erfindungen, da man damit bei gleichem Energieaufwand drei bis viermalso weit kommt wie zu Fuß und viel mehr Gepäck mitnehmen kann.“

Ehrenamtliche Funktionen:
*Seit 1996 Präsident der österreichischen Sektion der IPPNW (International Physicians for the Prevention of nuclear War)
*akkreditiertes Mitglied der IPPNW bei der UN Niederlassung in Wien
*von 1998 bis 2002 und seit 2007 Vorsitzender des NGO-committee-on-peace UN Wien
 

Kommentare

Grad beim Interview im ORF2 meinte Dorner, dass es doch in unserem zeitalter möglich sein sollte "vorne" einen "chip" einzubauen um die fahrräder zu identifizieren? was für ein schwachsinn! da versucht wieder jemand heisse luft als arbeit zu verkaufen! der mensch war anscheinend noch nie in amsterdam! aber es wundert mich nicht mal, dass dieser vorschlag von der Ärztekammer kommt.

goldi User offline. Last seen 1 Woche 2 Tage ago.
Bild von goldi
Assistenzarzt
Wohnort: EU-Ausland
Beigetreten: 27.05.2009
Beiträge: 631

Dorner ist sicher nie in Amsterdam gewesen. Adam duerfte fuer ihn ja Sodom und Gomorra sein. Es wuerde zwar einigen Leuten von der AEK gut tun, dort eine Zeit lang zu leben. Aber fuer solche Aktionen sind sie viel zu engstirnig. 
 
PS.: Das Foto zeigt Amsterdam beim Queensday

ChristianG. User offline. Last seen 40 Minuten 13 Sekunden ago.
Medizinstudent
Beigetreten: 27.05.2009
Beiträge: 29
Zitat:

Ärztekammerpräsident Dorner liess kürzlich mit einer ungewöhnlichen Forderung aufhorchen. Er forderte unter anderem eine verpflichtende Zulassung für Radfahrer, sowie Verbot der gekennzeichneten Einbahnen, die Radfahrer gegen die Fahrrichtung befahren dürfen.

 
So einen Bullshit denken sich nur Leute aus, denen es zu viel ist beim Zigaretten holen mit dem 2t SUV auf andere Rücksicht zu nehmen. Und sowas ist Arzt? Und dann auch noch Häuptling der ÖÄK? Armes Österreich!

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